"70 Prozent der Bewerbungen kann man vergessen"

Viele Betriebe beklagen die Arbeitsmoral von Berufseinsteigern. Doch die Bewerber halten sich selbst für leistungsbereit. 
Von Ingo Butters,  in Süddeutsche Zeitung 9/10.07.2005

 

Heinz-Günter Bonnie hat sich schnell in Fahrt geredet. "70 Prozent der Bewerbungen kann man gleich vergessen", sagt der Leiter Ausbildung und fachliche Qualifizierung beim Versicherungskonzern Gerling. Seine Abteilung ist für die bundesweite Besetzung der jährlich rund 120 Ausbildungsplätze bei Gerling zuständig. Doch obwohl den Personaler dafür allein aus dem Kölner Raum pro Jahr 1400 Bewerbungen erreichen, wird die Aufgabe immer schwieriger. 17 Stellen konnte er im letzten Jahr nicht besetzen.

Das Gros der Bewerber scheitert bereits an der ersten Hürde. Voraussetzung für die Einladung zum Auswahlgespräch ist ein Anschreiben mit weniger als sechs Rechtschreibfehlern, ein Schulabschluss der Note "befriedigend" und nicht übermäßig viele, auf dem Zeugnis ausgewiesene Fehltage. Doch selbst jene, die schließlich zum schriftlichen Auswahlverfahren eingeladen werden, entsprechen längst nicht immer den Vorstellungen Bonnies von einem engagierten Azubi. "Viele tauchen einfach nicht auf, entschuldigen sich nicht, und wenn man fragt: ,Wieso waren Sie nicht da?‘, heißt es: ,Weiß ich eigentlich auch nicht, wann haben Sie denn den nächsten Termin?‘ In den letzten fünf bis sechs Jahren ist das ganz, ganz schlimm geworden."

Unpünktlich, nachlässig, unzuverlässig


Problematisch sind aus Sicht des Personalers weniger die fachlichen Leistungen "das kriegen wir im Job schon in den Griff" als vielmehr die Einstellungen der Bewerber, die zu 90 Prozent übrigens Abiturienten sind. "Es fehlt an Wertschätzung für andere, für den Beruf, für den Arbeitgeber", sagt Bonnie. "Diese Erfahrung machen wir bundesweit."

 


» Das gilt auch für Hochschulabsolventen. «

Deshalb reagierte Heinz-Günter Bonnie auch ziemlich aufgeschlossen, als ihm der Chef des Kölner Instituts für Angewandtes Wissen (IAW), der Soziologe Uwe Döring-Katerkamp, das Projekt "Mitarbeiter 2010 Welche Werte zählen?" vorstellte. Inhalt der Aktion: Firmen und Berufseinsteiger sollen in einen Diskurs darüber eintreten, welche Wertvorstellungen ihnen wichtig sind. Nicht nur, um für gegenseitiges Verständnis zu werben, sondern auch, um Probleme, wie sie Heinz-Günter Bonnie schildert, zu beheben. "Viele Firmen haben mir berichtet, dass sie zunehmend Probleme mit Berufseinsteigern haben. Und das gilt nicht nur für Auszubildende, sondern auch für Hochschulabsolventen", sagt Döring-Katerkamp.

Geklagt wird über Unpünktlichkeit, Nachlässigkeit und Unzuverlässigkeit. Kurzum: Die Berufseinsteiger legen aus Sicht vieler Arbeitgeber nicht mehr das Verhalten an den Tag, das diese sich wünschen. Und das will Uwe Döring-Katerkamp ändern.

Null Zoff, voll busy

Zum einen möchte er messen, ob die Klagen der Betriebe wirklich berechtigt sind beispielsweise durch eine Analyse der Zahl von Fehltagen und Disziplinarverfahren der letzten Jahre. "Wir wollen wissen, wo genau die Probleme liegen", sagt Döring-Katerkamp. Umgekehrt sollen auch Jugendliche befragt werden, was sie sich vom Berufseinstieg und von künftigen Arbeitgebern versprechen.

Gemeinsam sollen Betriebe und Schulen dann in Workshops das Thema Werte diskutieren und idealerweise eine Schnittmenge finden. "Es bringt wenig, den Jugendlichen einfach ein Wort wie Verantwortungsbewusstsein zu predigen", sagt Döring-Katerkamp. "Das ist zu abstrakt. Jugendliche nutzen ganz andere Vokabeln obwohl sie vielleicht das Gleiche meinen."

Planspiele auf CD-Rom, in denen Schüler Aufgaben in Unternehmen lösen müssen, etwa Interviews mit Mitarbeitern über deren Arbeitsgebiet zu führen, sollen die Werte-Diskussion ergänzen und die Jugendlichen an Unternehmen und Arbeitswelt heranführen. Die Betriebe wiederum können durch den Erfahrungsaustausch mit den Jugendlichen Impulse für die eigene Ausbildung erhalten und beispielsweise Schülerpraktika entsprechend neu ausrichten. Durch das Projekt soll aber auch die Diskussion über Werte in die Öffentlichkeit getragen werden. Die Reaktionen auf die Aktion sind bisher sehr positiv, berichtet Uwe Döring-Katerkamp. Zu den Unterstützern zählen Unternehmen wie die Kölner Ford-Werke, die Deutsche Post, die Metro AG, der Westdeutsche Rundfunk oder eben der Gerling-Konzern.

Ganz neu ist der Vorstoß des IAW freilich nicht. So hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) schon vor zwei Jahren zu einer Tagung "Bildungsauftrag Werteerziehung" geladen, nachdem regionale Verbände immer wieder über die Verhaltensweisen von Berufseinsteigern geklagt hatten. BDA-Präsident Dieter Hundt forderte, dass die Schulen ihren Erziehungsauftrag wieder stärker wahrnehmen müssten. Das soziale Verhalten von Schülern sollte in Form eines kurzen Gutachtens Bestandteil des Schulzeugnisses werden wie früher die so genannte Kopfnote. Der Appell hatte einige regionale Projekte zwischen Schulen und Wirtschaft zur Folge. Der ganz große Wurf blieb aber bisher aus. "Wir sind nur ein Stein im Mosaik", räumt BDA-Sprecherin Donate Kluxen-Pyta ein.

Außerdem stellt sich die Frage: Ist die Auffassung, dass es den Jugendlichen an Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein fehlt, nicht doch zu simpel und zu pauschal? Untersuchungen zeigen eigentlich das Gegenteil: So konstatiert die Shell-Jugendstudie seit Jahren steigende Zustimmungswerte der Jugendlichen für die nur scheinbar altbacken klingenden Begriffe "Fleiß" und "Ehrgeiz". Eine Untersuchung der Universität Siegen kam vor rund drei Jahren zu ähnlichen Ergebnissen und verpasste der jungen Generation das Label "Null Zoff, voll busy".

Auch Heinz Reinders, Erziehungswissenschaftler an der Universität Mannheim, stellte bei einer Umfrage unter 1400 Jugendlichen im Alter zwischen 13 bis 17 Jahren fest, dass dem Nachwuchs berufliche Zukunft und Leistungsbereitschaft alles andere als egal ist. Mehr als 90 Prozent von ihnen gaben an, dass es wichtig sei, sich in der Schule anzustrengen, um später im Beruf zu punkten.

Nur ein Missverständnis?

Ein Widerspruch? "Vielleicht liegt es an der Wahrnehmung der Betriebe", sagt Reinders. "Schließlich erregt das, was reibungslos abläuft, in der Regel viel weniger Aufmerksamkeit." Außerdem hätten auch die Unternehmen selber eine gesellschaftliche Pflicht: Nämlich die, jungen Berufseinsteigern eine gewisse Eingewöhnungszeit zuzugestehen.

 


» Schüler können sich letztlich immer nur vage vorstellen, was sie später erwartet. «

Weil die Aktion des IAW vor allem aber auf einen Austausch abzielt, befürwortet auch Reinders das Projekt. "Schüler können sich letztlich immer nur vage vorstellen, was sie später erwartet", sagt er. "Wenn sie sich schon in der Schule mit den Erwartungen und Anforderungen des Arbeitslebens auseinander setzen können, ist das nur positiv zu bewerten."

Allerdings warnt Reinders, dass eine schwergewichtige Vokabel wie "Werte" solche Inhalte überdecken kann. "Ich denke, dass die Erwartungen von Jugendlichen und Arbeitgebern so weit nicht auseinander liegen."